WVM Newsletter 04 / 09. Oktober 2013

DAS BAUTEIL DER WOCHE

In der Rubrik „Das Bauteil der Woche“ wird ein Exponat aus dem aktuellen Rekonstruktionsversuch der Berliner Weltverbesserungsmaschine vorgestellt bzw. Alternativen oder Erweiterungen präsentiert.

 

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Der Leere Thron, Anfang 5. Jahrhundert aus Konstantinopel (stilistisch), Prokonnesischer Marmor, H. 203 x B. 86 x T 13 cm, Identifikationsnummer: 3/72, © Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz/Foto: Jürgen Liepe.

 

DER LEERE THRON

 

Der Leere Thron ist ein Bauteil für die Berliner Weltverbesserungsmaschine. Er ist das einzige Artefakt im Subsystem „Selbstverwirklichung“ und steht im Zentrum der Gesamtmaschine. WVM-Identifikationsnummer: 70 von 70.

 

Der Thron Gottes ist leer. Die Verbesserung der Welt durch Selbstverwirklichung oder Aufopferung steht noch aus. Auf dem Thron liegen ein Kissen, ein Mantel und das Perlendiadem. Der ‚bereitete Thron’ wartet auf seinen Regenten. Doch der himmlische Herrscher ist abwesend. Ist er gestorben, und sein Thron bleibt für immer leer? Aber wer oder was nimmt dann seinen Platz ein? Das Individuum? Der Staat? Die Weltverbesserungsmaschine? Du? Ich? Was geschieht, wenn irgendjemand den leeren Thron Gottes besetzt?

 

Weitere Informationen zu Der Leere Thron finden sie im Bode-Museum  – Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst, oder in Friedrich von Borries/ Moritz Ahlert/ Jens-Uwe Fischer (Hg.): Die Berliner Weltverbesserungsmaschine. Die Rekonstruktion einer abstrakten Imagination, Kritische Schriftenreihe zur Weltverbesserung, Bd. 2, Berlin: Merve Verlag, 2013.

 

FRISCH ERGÄNZT

Wie wir im letzten Newsletter berichteten, intervenierte am 19. September 2013 der Künstler Torben Laib mit seiner Arbeit “in suspenso” (2013) an der Weltverbesserungsmaschine. Kurz vor und während seiner Performance informierte er uns per Mail (vgl. WVM Newsletter 03 vom 23. September 2013).

 

Inzwischen erreichte uns eine weitere Mail des jungen Künstlers, in der er die Aktion und deren Verlauf genauer beschreibt:

 

„In einem ersten Akt war geplant, den Perserteppich in der zweiten Ebene der Weltverbesserungsmaschine, der Pyramide, zum Schweben zu bringen. In Ihrer Schatzkarte ist dieser Bereich sehr nah an dem Zentrum verzeichnet, den sie nach der Bedürfnispyramide von Maslow mit dem Begriff Selbstverwirklichung bezeichnet haben. Der Versuch zu Fliegen hat meistens mehr mit Selbstverwirklichung zu tun, als mit allen anderen Bedürfnissen.

 

Durch einen Besucher des Hamburger Bahnhofs, der das Wachpersonal interessiert fragte, was es mit der Performance in der Pyramide auf sich habe, wurde die Aufmerksamkeit schneller auf uns gelenkt als erwartet, so dass der erste Akt jäh darin endete, dass der Teppich auf der ersten Ebene zum liegen gebracht wurde.

 

InSuspenso I

Die Polizei wurde alarmiert.

 

Das war der Moment, an dem abzusehen war, dass dieser Flugversuch scheitern würde. Ab diesem Zeitpunkt platzierte ich mich stehend auf dem Teppich und begann meine Haare an die im Kreis angelegten Buchsbäume binden zu lassen. Durch die Bänder entstand etwas um mich herum, was der Form der Pyramide formal sehr ähnlich wurde und mich gleichzeitig an den Boden fesselte. Auch dieser Part der Erdung wurde von dem Wachpersonal wiederum unterbrochen und interveniert, aber nach einer Weile zeichnete sich ein Bild ab, dass meiner Vorstellung sehr nahe kam.

 

InSuspenso IIInSuspenso IIIInSuspenso IV

Nach ungefähr einer halben Stunde starren ausharrens kam schließlich die Polizei, die ebenso wenig wie das Wachpersonal vom Hamburger Bahnhof mit der Aktion umzugehen wusste, denn während der gesamten Aktion schwieg ich.

 

InSuspenso V

An dieser Stelle möchte ich noch ein mal an den Text erinnern, den ich in genau dem Moment geschrieben hatte, als die Aktion losging:

 

„in genau diesem Moment werde ich mich auf einem Perserteppich in die Pyramide, die als Sinnbild für die Weltverbesserungsmaschine fungieren soll, hängen. Was der Maschine fehlt ist die Menschlichkeit, das Organische, das Lebendige.

 

Ein Bild, das dringend hinzugefügt werden muss.

 

Der Versuch zu fliegen, nach den Sternen zu greifen ist ein Experiment, das seit Jahrhunderten in Angriff genommen wird. Es ist ein Versuch der zum Scheitern verurteilt ist, da die Bindung an die Erde, an die Schwerkraft immer wieder deutlich macht, dass man auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird, je näher man der Sonne kommt.“

 

In dem Moment, als ich die Pyramide verließ, las sich diese Nachricht wie eine Prophezeiung, die sich erfüllt hat.

 

Der Werktitel „in suspenso“ bezieht sich auf einen Begriff, den Kierkegaard zu seiner Zeit prägte und mit den Worten „in der Schwebe“ übersetzt wird. Man ist weder im Himmel noch auf Erden, weder oben noch unten, weder fallend noch fliegend, man ist „in suspenso“.

 

Greifbare Konsequenzen werden einerseits ein einjähriges Hausverbot im Hamburger Bahnhof, als auch eine Anzeige wegen Sachbeschädigung sein.

 

Für meinen Teil ist es eine intensive Auseinandersetzung mit einem Ort, einer fremden künstlerischen Arbeit und ihrem Aufruf:

 

„Wie können wir die Welt verbessern? Und welche Rolle spielen dabei Kunst und Wissenschaft? Die aktuelle Rekonstruktion der Berliner Weltverbesserungsmaschine ist nur ein erster Versuch. Um die Maschine vielleicht einst wirklich bauen zu können, sind wir auf Ihre Mithilfe angewiesen.“

 

Näheres zur „schwarzen Piste“ hier.

 

WAS SONST NOCH PASSIERTE

 

Wir wurden von der Ernst Bloch Assoziation Bochum darauf hingewiesen, dass die Berliner Weltverbesserungsmaschine (mindestens) einen Ableger in Bochum habe bzw. vom 4.-6. Oktober im Rahmen der Tagung „Unvernünftige Vernunft oder vernünftige Unvernunft? i-pads wachsen nicht auf Bäumen – Zur Kritik der herrschenden Rationalität und Irrationalität“ an einer solchen gearbeitet wurde.

 

In einer Email an post[a]berliner-weltverbesserungsmaschine.de schrieb man:

 

„Wir werden uns mehrfach darauf [auf die Berliner Weltverbesserungsmaschine] beziehen, schließlich geht es um die Repräsentationen der Möglichkeiten zur Weltverbesserung in jedem Einzelnen.

 

Die dabei in Betracht – und in Arbeit – genommenen Kriterien der Vernunft (welcher eigentlich?) werden beleuchtet. … Die Maschine hat in jedem Individuum Anschlussmöglichkeiten, aber auch eine eigene Vertretung: Prinzipien des Antriebs zur Veränderung, biologisch gegründet, sozial implementiert via Erziehung und Umfeld, aber auch Möglichkeiten und Bedürfnisse des Ausbrechens aus den Normierungen – sozusagen das wilde Element (das fünfte?).“

 

Über die Arbeiten der Ernst Bloch Assoziation an der Weltverbesserungsmaschine und die Ergebnisse der Tagung werden wir Sie auf dem Laufenden halten.